„Nur der Beginn einer weiteren öffentlichen Würdigung“

Rede der Stv. Fraktionsvorsitzenden, Andrea Niermann, zur Benennung der Stadtteilbibliothek Gohlis nach dem Leipziger Schriftsteller Erich Loest in der Ratssitzung am 25.03.2015

Sehr geehrte Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Dubrau, sehr geehrte Herren Bürgermeister, sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen Stadträte, meine Damen und Herren,

„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Wir alle kennen diesen Satz, den Erich Loest seiner Figur des Stasigenerals und Volkskammer-Präsidenten Horst Sindermann in seinem Roman „Nikolaikirche“ in den Mund legt. Bis zu seinem Tod 2013 war Erich Loest der literarische Repräsentant seiner Heimatstadt Leipzig. In Mittweida 1926 geboren erlebt er das letzte Kriegsjahr durch ständige nationalsozialistische Propaganda verblendet als überzeugter Nationalsozialist und jugendlicher Soldat. Seine Erlebnisse aus dieser Zeit verarbeitet er desillusioniert in seinem Debütroman „Jungen die übrigbleiben“. 1946 kommt er nach Leipzig und absolvierte ein Volontariat bei der „Leipziger Volkszeitung“. Wie viele seiner durch Nationalsozialismus und Krieg geprägten Altersgenossen wird er 1947 Mitglied der SED. Er wird, wie er es selber einmal ausdrückte, „vom glühenden Nazi“ zum überzeugten Kommunisten.

Nach dem Erscheinen seines Roman-Debüts im Jahr 1950 beendet er seine Arbeit für die „Leipziger Volkszeitung“ widmet sich ab jetzt nur noch der Schriftstellerei. Als freier Schriftsteller lässt sich Erich Loest „den Mund nicht verbieten“. In der DDR, in der nun sowjetrussisches sozialistisches Strafrecht gilt, ist dies gefährlich und wird für Erich Loest zum Problem. In den 50ziger Jahren beteiligt er sich offen – zu offen – an den Diskussionen über die Entstalinisierung. Er kritisiert das SED-Regime für die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 und lässt sich dabei zu Äußerungen hinreißen, die in der SED nicht auf Gegenliebe stoßen – im Gegenteil: Er handelt sich ein Strafverfahren wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ ein. Im November 1957 wird er deswegen zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Erich Loest verbüßt die gesamten siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus Bautzen II.

Das Zuchthaus Bautzen – Ich habe es zu Beginn der neunziger Jahre in meiner Zeit als Staatsanwältin der Staatsanwaltschaft Dresden besichtigt. Ich war dort in der Schwerpunktabteilung des Freistaates Sachsen zur Verfolgung von SED-Unrecht eingesetzt und hatte mich in dieser Funktion intensiv mit der DDR-Justiz zu befassen. Als ermittelnde Staatsanwältin habe ich in dieser Zeit mit vielen Opfern des Unrechtsstaates DDR gesprochen – auch mit solchen, die in den siebziger und achtziger Jahren in Bautzen II einsaßen.

Es ist mir, meine Damen und Herren, unvorstellbar, wie man an diesem Ort siebeneinhalb Jahre eingesperrt sein kann, ohne zu zerbrechen. Erich Loest gehört zu den wenigen, die dies geschafft haben – obwohl er in dieser Zeit nahezu isoliert war und einem faktischem Schreibverbot unterworfen war: Er bekam in dieser Zeit weder Papier noch Stifte – seine Frau durfte ihn nur einmal vierteljährlich besuchen. Ende 1964 kommt er – durch die Haftbedingungen schwer magenkrank – zurück nach Leipzig und macht weiter, wo er gezwungenermaßen aufgehört hatte: Er schreibt. Und er führt, um ihn hier noch einmal zu zitieren, „einen harten steten Kampf in der DDR gegen die DDR für meine Literatur“. Dieser Kampf gipfelt 1979 im Austritt aus dem Schriftstellerverband der DDR als Protest gegen die Zensur seines Romans „Es geht seinen Gang ohne Mühen in unserer Ebene.“

Erich Loest liebt seine Heimatstadt Leipzig. Dass er seine Heimat trotzdem 1981 mit seiner Familie in Richtung Osnabrück verlässt, ist auf die ständigen staatlichen Repressalien zurückzuführen, denen er und auch seine Familie aufgrund seiner Haltung ausgesetzt ist. Denn noch mehr als Leipzig liebte Erich Loest die Freiheit – insbesondere die Meinungsfreiheit, die Freiheit des Wortes, die es für Menschen in der DDR nicht gab. Nach der Wende und der friedlichen Revolution kam Erich Loest schon 1990 nach Leipzig zurück. Den Weg zur friedlichen Revolution beschreibt sein Bestseller „Nikolaikirche“, den mir meine Kollegen anlässlich meines Abschiedes von der Staatsanwaltschaft Ende 1995 schenkten.

Erich Loest hat mit seinen Werken – aber auch mit seiner Biografie – vielen Menschen in ganz Deutschland ein realistisches Bild der DDR als menschenfeindliche Diktatur vermittelt. Dafür ist er im Oktober 2012 zu Recht mit dem Preis des Fördervereins der Stasi Opfer Gedenkstätte ausgezeichnet worden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, dass die Stadt Leipzig nun eine ihrer Ortsteilbibliotheken nach Erich Loest benennt, ist unserer Meinung nach – gerade auch aufgrund seines Romans „Nikolaikirche“ überfällig und kann nur der Beginn einer weiteren öffentlichen Würdigung dieses großen gesamtdeutschen Schriftstellers durch die Stadt Leipzig sein.