Andris Nelsons ist ein künstlerisch hervorragender und geeigneter Nachfolger für Riccardo Chailly

Andrea Niermann

Andrea Niermann

BA Kulturstätten; FA Kultur

Rede von Stadträtin Andrea Niermann anlässlich der Wahl des neuen Leipziger Gewandhauskapellmeisters

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Kollegen und Kolleginnen, liebe Herren der Gewandhausleitung, liebe Gäste,   Heute ist es nun soweit……der Leipziger Stadtrat wählt, ich wiederhole wählt einen neuen  Gewandhauskapellmeister …   Die Vorlage über die wir hier entscheiden trägt die Überschrift „Wahl von Andris Nelsons ….zum Gewandhauskapellmeister“   Zunächst möchte ich, bevor ich zur Sache komme, einige an Andris Nelsons gerichtete Worte voranstellen. Es ist ja immerhin möglich, dass er uns zuhört.   Sehr geehrter Andris Nelsons, wir, die Mitglieder der CDU-Stadtratsfraktion, wissen zu schätzen, dass Sie als einer der gefragtesten Dirigenten weltweit, als ein Künstler von Weltrang, bereit sind, sich heute hier vom Leipziger Stadtrat zum Chefdirigent unseres Gewandhausorchesters, zum Gewandhauskapellmeister,  wählen zu lassen. Wir haben keine Zweifel daran, dass der Orchestervorstand des Gewandhauses und der Oberbürgermeister uns heute mit Ihnen einen künstlerisch hervorragenden und geeigneten Nachfolger für Riccardo Chailly zur Wahl vorschlagen.

Trotzdem können wir Sie, verehrter Andris Nelsons, heute nicht kritiklos wählen. Im Namen der CDU Fraktion bitte ich Sie dafür um Ihr Verständnis.  Unsere Kritik gilt nicht Ihnen, sondern dem Verfahren Ihrer Wahl. Sie ist dem Umstand geschuldet, dass Sie Chefdirigent eines städtischen Eigenbetriebes werden und für Ihre Wahl die Regelungen der Gewandhaus-Satzung Anwendung finden.   Meine Damen und Herren, Herr Oberbürgermeister, und nun komme ich zur Sache.    In der Satzung unseres Eigenbetriebes heißt es unter § 13 Abs.2 zur Besetzung der Schlüsselposition des Gewandhauskapellmeisters: Die Ernennung und Abberufung des Gewandhauskapellmeisters liegt in der Zuständigkeit des Stadtrates.

Ja richtig, meine Damen und Herren, oberflächlich betrachtet  könnte man hier die Auffassung vertreten, der Satzung werde heute durch diese Wahl, über die wir nun gleich abstimmen, Genüge getan.   Aber schauen wir doch mal etwas genauer hin:   Üblicherweise werden satzungsmäßige Entscheidungen – wie z.B. die Wahl des Gewandhausdirektors oder des Verwaltungsdirektors – wenigstens im zuständigen Betriebsausschuss in mindestens zwei Lesungen vorbereitet und votiert, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Alle Fakten müssen auf den Tisch, natürlich auch die Vertragssummen. Wie sonst sollte man sich als gewählter Stadtrat auch eine Meinung bilden können.   Und hier???   Mit der Abberufung von Riccardo Chailly und der Ernennung von Andris Nelsons als seinen Nachfolger hatten wir, liebe Kollegen und Kolleginnen, gar nichts zu tun. In die Gremien kam diese Vorlage erst, als Sie, Herr Jung, die Entscheidung lange getroffen hatten.    Erinnern wir uns: Am 08.September 2015 war auf der Seite des städtischen Eigenbetriebes Gewandhaus zu Leipzig zu lesen: „Morgen wird einer der wichtigsten Posten der Musikwelt neu besetzt. Am Mittwoch, den 9. September 2015 um 17:30 Uhr stellen wir Ihnen den 21. Gewandhauskapellmeister in unserer 270-jährigen Geschichte vor……“

Kein Hinweis auf einen Gremienvorbehalt.  Auch keine Vorbefassung des Betriebsausschusses der Kultureigenbetriebe, zu denen bekanntlich auch das Gewandhaus gehört. Nicht einmal eine Information der Mitglieder des Betriebsausschusses vorab. Lediglich die Information des Ältestenrates durch den Oberbürgermeister einige Tage zuvor unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, dass er sich mit dem Orchestervorstand  auf einen Vorschlag geeinigt habe und es dazu eine Pressekonferenz gebe. Sonst nichts.

Und Sie alle, meine Damen und Herren der Fraktion Die Linke, der Grünen und der SPD, scheinen das absolut in Ordnung zu finden.  Wir nicht!   Natürlich,  wenn man – wie ich aus den Reihen der Fraktion der Grünen jüngst hörte – die Ernennung des Gewandhauskapellmeisters  durch den Stadtrat für einen rein  symbolischen Akt –  um eine Formsache – hält, dann mag das in Ordnung sein.   Dann ist vielleicht auch die Einstellung der kulturpolitischen Sprecherin Fraktion Die Linke nachvollziehbar, wonach eine Einsicht in die Gewandhauskapellmeister-Verträge mit geschwärzten Honorarzahlen durchaus ausgereicht hätte.   Meine Damen und Herren, die Wahl des Gewandhauskapellmeisters durch den Stadtrat ist ebensowenig ein symbolischer Akt wie die Wahl des Gewandhausdirektors, des Verwaltungsdirektors, des Intendanten der Oper u.s.w! Jedenfalls nicht nach der einschlägigen Satzung.   Mit gutem Grund ist in dieser Satzung, die wir erst kürzlich neu beschlossen haben, die eigentliche Entscheidung über die Ernennung des Gewandhauskapellmeisters dem Stadtrat vorbehalten. Denn es geht hier nicht nur um die künstlerische und fachliche Eignung. Die kann von uns – da haben Sie vollkommen Recht, nicht ohne sachkundige Hilfe beurteilt werden.   Nein, es geht hier um das Gewandhaus an sich, darum, ob es ungeachtet der damit verbundenen Kosten an der Weltspitze stehen soll. Es geht, meine Damen und Herren, auch hier um`s Geld!    Das Gewandhaus, liebe Kolleginnen und Kollegen, gehört den Leipzigern. Den Leipzigern, die uns gewählt haben und die wir hier vertreten sollten. Es wird zum ganz überwiegenden Teil aus öffentlichen Geldern bezahlt – das gilt auch für die Honorare der Gewandhauskapellmeister. Letztendlich zahlt jeder Leipziger mit, und ich muss sagen vor diesem Hintergrund wundert mich die Einstellung vieler Kollegen aus anderen Fraktionen, die sich offenbar bislang dafür gar nicht interessiert haben .   Wir CDU-Stadträte nehmen die uns von den Bürgern dieser Stadt übertragene Mitbestimmungs- und Kontrollfunktion sehr ernst. Auch deshalb haben wir als einzige Fraktion darauf bestanden, die mit Herrn Chailly und Herrn Nelsons abgeschlossenen Verträge vollständig einzusehen.   Wenn Ihnen, Herr Oberbürgermeister, dieses Verfahren nicht passt, dann müssen Sie entweder auf eine Satzungsänderung oder auf eine Änderung der Rechtsform des Gewandhauses hinwirken. So selbstherrlich, wie Sie die Sache hier gehandhabt haben, funktioniert das nicht mehr!   Nehmen Sie doch bitte …endlich…. zur Kenntnis, dass die Kultur-Eigenbetriebe insbesondere das Gewandhaus nicht ihrer alleinigen Entscheidungsbefugnis unterliegen.   Wenn wir CDU-Stadträte uns heute von Ihnen, Herr Jung, hier noch einmal zu „Stimmvieh“ degradieren lassen und der Vorlage zustimmen,  dann nur deshalb, weil wir weiteren Schaden vom Gewandhaus abwenden wollen.  Und weil unsere Ablehnung dem Ruf des von uns geschätzten Künstlers Andris Nelsons schaden könnte. Es wird, da seien Sie sich sicher, das letzte Mal sein.   Liebe Herren aus dem Gewandhaus, bitte erlauben Sie mir noch eine Bemerkung in Ihre Richtung.   Im Namen meiner Fraktion möchte ich mich zunächst noch einmal bedanken, dass Sie, Herr Professor Schulz und Herr Haupt, sich die Zeit genommen haben, uns im Rahmen unserer Fraktionssitzung Ihre Auswahlentscheidung  zu erläutern. Wir haben verstanden, warum Sie Herr Professor Schulz, das durch die Gewandhaussatzung vorgegebene Verfahren für ungeeignet halten, unter den heutigen Bedingungen des Musikmarktes einen dem Niveau des Gewandhauses  entsprechenden Chefdirigenten für das Gewandhaus zu finden.    Herr Professor Schulz, wir teilen Ihre Auffassung zur Notwendigkeit, eine neue Rechtsform für das Gewandhaus zu finden. Nicht nur, weil diese Wahl eine Farce ist, auch aus vielen anderen Gründen. ..

Deshalb haben wir unseren Antrag zur Strukturreform der Kultureigenbetriebe entsprechend angepasst und in dieser Woche wieder in das Verfahren gebracht.    Sehr geehrte Damen und Herren, es zeigt sich hier wieder einmal : LEIPZIG BRAUCHT EINE NEUE KULTURPOLITIK!