Marx nicht unkritisch bewerten

Michael Weickert

Michael Weickert

BA Kulturstätten; FA Jugend und Schule; FA Kultur

Mit Mehrheit hat der Stadtrat gegen die Stimmen der CDU beschlossen, Karl Marx zu ehren. In der Debatte sprach für uns Stadtrat Michael Weickert:

Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren!
Von Zeit zu Zeit haben wir uns hier schon mit historischen Persönlichkeiten und ihrer Würdigung befasst. Dabei haben wir häufig kontroverse Debatten geführt. Als es um Martin Luther ging, zog die Linksfraktion eine rote Linie zum Nationalsozialismus aufgrund der Äußerungen Luthers zur Fürstenherrschaft und zu den Juden. Zwar fand diese Argumentation keine Mehrheit in diesem Hause, aber ich frage die Linke:

Wenn Sie schon abenteuerliche historische Bögen ziehen, wieso kommen Sie dann nicht auf den Gedanken, dass Marx ebenso für die Millionen Toten des Stalinismus verantwortlich ist? Aber wir sehen ja bei den Linken häufig eine im besten pseudo-sozialistischen Sinne ausgeprägte Haltungswendigkeit, wie auch das Verhalten beim Fraktionswechsel des Kollegen Weber zu beobachten ist.

So frage ich mich aber auch, warum es einen Verwaltungsstandpunkt gibt, der sich völlig unkritisch mit dem Marxismus auseinandersetzt. Man kann dem Oberbürgermeister vieles vorwerfen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er unkritisch mit politischer Ideologie umgeht. Der VSP von Ihnen, Frau Dr. Jennicke, geht in diesem Zusammenhang gar nicht. Er ist ein Schlag ins Gesicht derer, die auf die Straße gegangen sind, um den Marxismus zu überwinden.

Meine Damen und Herren, ich frage mich auch manchmal, mit welcher Doppelbödigkeit manche politische Couleur hier mit Sachfragen umgeht. Nun ist es nicht meine Aufgabe, die AfD zu verteidigen. Aber ich erinnere mich an die Debatten zur Schulnamensgebung nach Katharina von Bora, die auch Sie von den Linken bekämpft haben. Und in Ihrem Ursprungsantrag sollte aber Marx unbedingt in den Schulnamenspool aufgenommen werden. Diese Unehrlichkeit im Umgang miteinander befördert Politikverdruss und zwar zu recht.

Gewiss war Karl Marx ein bedeutender Philosoph, dessen Theorie nur nicht für die Praxis getaugt hat. Und das „Kapital“ ist natürlich ein bedeutendes Werk der Nationalökonomie. Deswegen wollen wir auch das Andenken nicht per se blockieren. Es steht aus unserer Sicht dem Leipziger Stadtrat allerdings gut zu Gesicht, politische Ideologien niemals unkritisch zu bewerten.