Zum offenen Brief einiger Thomaner

Andrea Niermann

Andrea Niermann

BA Kulturstätten; FA Kultur

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren Beigeordnete, liebe Kollegen und Kolleginnen, lieber Andreas Reize, von dem ich annehme und hoffe, dass er diese Online-Ratssitzung am Bildschirm verfolgt, liebe Thomaner und Gäste im Livestream,

der offene Brief einiger Thomaner vom vergangenen Freitag hat hohe Wellen geschlagen, so hohe Wellen, dass ich hier in aller gebotenen Kürze als Stadträtin, die der Auswahlkommission angehört hat, Stellung dazu nehmen möchte.
Unsere Aufgabe als Stadträte in der Auswahlkommission bestand in erster Linie darin, ein ordnungsgemäßes, demokratisch legitimiertes und transparentes Verfahren zur Findung eines Nachfolgers für Prof. Gotthold Schwarz zu gewährleisten.

Wie ist die Auswahlkommission zu besetzen?
Welche Bedeutung sollen Experten bei der Auswahl des neuen Thomaskantors haben?
Wer muss am Auswahlverfahren beteiligt werden?
Wer soll ein Stimmrecht in der Kommission haben? Wer aus welchen Gründen nicht?
Und schließlich: Wie erreichen wir eine Transparenz des Verfahrens, ohne den Chor und unterliegende Bewerber zu beschädigen?

Dies, meine Damen und Herren, waren die Themen, die uns eigentlich schon seit der Wahl von Gotthold Schwarz im Jahr 2016 beschäftigt haben. Denn erinnern wir uns: Schon damals war klar, dass Gotthold Schwarz das Thomaskantorat nach fünf Jahren an einen Nachfolger übergeben sollte.

An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an Gotthold Schwarz, der damals nach einem sehr langwierigen und schwierigen Findungsverfahren ohne wirkliches Ergebnis bereit war, das Thomaskantorat bis 2021 zu übernehmen.

Meiner Meinung nach – und Sie können mir glauben, dass ich sehr kritisch hingeschaut habe – haben Sie, Frau Dr. Jennicke, Ihre Hausaufgaben zum Verfahren gemacht: Die eben genannten Fragen wurden mit allen Betroffenen und Beteiligten ausreichend diskutiert und ausgewogen beantwortet.

Wir haben das Auswahlverfahren ausführlich besprochen; es waren alle relevanten Gruppen eingebunden.

Ich persönlich habe ein hervorragend vorbereitetes, zu jeder Zeit transparentes und faires Verfahren erlebt, für das ich mich heute noch einmal bei allen Organisatoren, insbesondere bei Ihnen Frau Dr. Jennicke und auch beim Geschäftsführer des Chores Herrn Scobel bedanken möchte.

Die Thomaner waren von Anfang an involviert. Sie wurden u.a. nach jeder der vier musikalischen Kandidaten-Vorstellungen ausführlich gehört. Ihre Einschätzungen wurden innerhalb der Auswahlkommission ausführlich diskutiert, von den Experten bewertet und berücksichtigt. 

Das Schreiben vom vergangenen Freitag – drei Monate nach der Wahl des neuen Thomaskantors im Stadtrat – befremdet. Die darin enthaltenen Vorwürfe – sowohl in Bezug auf das Verfahren als auch in Bezug auf die fachliche Eignung Andreas Reizes – entbehren jeder Grundlage und sind beschämend.

Liebe Thomaner, es ist richtig, Ihr hattet am Ende des Verfahrens kein Stimmrecht. Aber es hätte erstens – davon bin ich überzeugt – nichts an der Wahl Andreas Reizes geändert.

Und zweites wage ich hier die Auffassung zu vertreten, dass es auch nicht richtig gewesen wäre, wenn Ihr, liebe Thomaner, Euren Chorleiter hättet mitwählen können.

Auch wenn Ihr besondere Schüler seid, Schüler, die über besondere Fähigkeiten und Erfahrungen verfügen und die vieles geleistet haben, so bleibt es doch dabei: Ihr seid Schüler. Ihr seid junge Menschen, deren Auffassungen man hören, ernst nehmen und berücksichtigen muss, die aber doch einen noch begrenzten Erfahrungshorizont haben.

Dies ist einer der Gründe, warum ihr als Schüler der Thomasschule z.B. auch nicht über die Neubesetzung der Schulleiterstelle mitentscheiden dürft.

Ich bin mir sicher, in ein paar Jahren, wenn ihr im Beruf steht und selber Eltern seid, werden ihr das genau so sehen, wie ich heute.

Lieber Herr Reize, ich wende mich hier ausdrücklich auch im Namen meiner Fraktion an Sie und hoffe, dass Sie zuhören: Lassen Sie sich durch die Geschehnisse der letzten Tage nicht entmutigen. Ich bin davon überzeugt, dass mit Ihnen ein guter Neuanfang im Thomanerchor möglich sein wird. Auf unsere volle Unterstützung können Sie sich dabei zu jeder Zeit verlassen. Herzlich willkommen in Leipzig!

Vielen Dank für Ihr Ihre Aufmerksamkeit