Rede zum Festakt anlässlich dem Tag der Deutschen Einheit 2026

Es gilt das gesprochene Wort

Meine sehr geehrten Damen und Herren! 

Vor 36 Jahren wurde in der Nacht zum 03. Oktober vor dem Reichstag die Flagge der Einheit gehisst. Die Mauer war Geschichte, die Friedliche Revolution hatte gesiegt und durch unser ganzes Volk ging eine große Welle der Zuversicht. Das wiedervereinigte Deutschland wurde Teil der NATO, der EU, die Währungsunion war auf den Weg gebracht und auf der ganzen Welt schien sich eine Zeit unbegrenzter Möglichkeiten und Freiheiten abzuzeichnen. 

Die Verwerfungen von 40 Jahren Sozialismus waren allerdings so tief, dass sehr schnell deutlich wurde, dass die ostdeutsche Wirtschaft kurz vor dem Kollaps steht. In den 90er Jahren haben sich für viele Ostdeutsche ihre Lebenswirklichkeiten dramatisch verändert. Es gehört zur Wahrheit, dass für diesen Umbruch bisweilen wenig Verständnis in der alten Bundesrepublik herrschte. Wir können es uns heute nicht mehr vorstellen, dass 25-30 Prozent der Bevölkerung ohne Arbeit sind und über Jahre keine Perspektive aufgezeigt bekommen haben. Die innerdeutsche Solidarität drückte sich im Solidaritätszuschlag aus, sie war aber schnell auch hier wieder auf den Stand vor der deutschen Einheit zurückgefahren: auf Sonntagsreden und wohlklingende Bekundungen.  

Die Deutsche Einheit erforderte eine nationale Kraftanstrengung unseres gesamten Volkes. Worin wir nicht gut waren, war eine gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Denn eines möchte ich festhalten: Die Deutsche Einheit ist ein Glücksfall und vor allem eine Erfolgsgeschichte für das gesamte Deutschland. 

Es ist häufig und viel rezipiert worden, wie wenig Ostdeutsche an der Spitze von DAX-Konzernen oder Parteien oder Behörden stehen. Das hängt damit zusammen, dass die traditionellen Netzwerke über lange Zeit Bestand hatten. Auch heute dürfen wir nicht unterschätzen, dass in Nordrhein-Westfalen mehr Menschen leben als in allen ostdeutschen Bundesländern zusammen. Macht und Möglichkeiten hängen nicht nur allein an Persönlichkeiten, sondern auch immer an der Masse. Das Wort “Repräsentationslücke” ist hier überstrapaziert worden. 

Wir sehen derzeit, dass Ostalgie wieder deutlich im Aufwind ist. Die Sehnsucht nach früher ist weit verbreitet. Auch im Westen verbreitet sich dieser Eindruck immer mehr. Mir sagte neulich ein westdeutscher Unternehmer, ob man die Mauer nicht wieder brauche. Mich hat das tief bewegt, denn es fand fast im Plauderton statt und war ernst gemeint. Dahinter steckt die tiefe Unzufriedenheit über eine angebliche ostdeutsche Undankbarkeit, die sich in Wahlergebnissen ausdrückt. Ich urteile nicht darüber, denn es ist die Aufgabe eines Politikers, zu führen und nicht nach dem Mund zu reden.  

Es gibt heute Politiker, die auf offener Bühne die DDR-Hymne singen, die kein Problem mit der Solidarisierung mit Clankriminellen haben und auch insgesamt ein gestörtes Verhältnis zur Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung haben. Eine große Anzahl unserer Landsleute hält die Einheit für nicht vollendet. Eine überwältigende Anzahl unserer Landsleute sieht aber die Notwednigkeit, dass die Einheit vollendet wird. 

Meine Damen und Herren, heute ist nicht der Tag, an dem Wir über all das bestürzt sein dürfen. Heute ist der Tag, an dem wir es besser machen können. Bezogen auf die Flagge vor dem Reichstag gebrauche ich gern das Bild, dass es die Aufgabe der damaligen Generation war, diese Flagge zu hissen, unsere Aufgabe ist es dass Schwarz-Rot-Gold oben bleibt. 

Ich will mit Ihnen heute deutlich machen, was es dafür braucht.  

Das erste ist, dass es ein klares Bekenntnis zu einem modernen Patriotismus gibt: Unsere Flagge und unsere Hymne sind nichts anstößiges, sondern lebende Symbole einer vitalen Republik. Dieser Stolz auf unser Land ist die Grundlage, das Fundament für alles weitere. 

As zweite, dass es Mut braucht für echte und tiefgreifende Veränderungen. Wir stehen vor einer ähnlich herausfordernden Situation wie 1990, allerdings unter deutlich besseren Voraussetzungen. Wir leben in einer freien Gesellschaft, wir haben ein hohes Wohlstandniveau, ein dichtes soziales Netz. All das zu erhalten geht nicht ohne Anstrengung. Wir Politiker müssen hier mit dem besten Beispiel vorangehen. Wir müssen bei uns sparen an Bezügen, Versorgung und an Beauftragtenposten und Ministerialbürokratie. Das allein löst unser Problem nicht, aber das ist echte Solidarität, wenn man ein Vorbild ist. Sowie Deutschland braucht eben auch Leipzig einen neuen Anfang mit Reformen, Veränderungen und neuen Ideen.  

Das dritte und vielleicht in naher Zukunft entscheidendste ist, die Frage nach dem “warum?” zu beantworten: Warum machen wir das? Warum führen wir Reformen durch? Warum gibt es auch Kürzungen in bestimmten Bereichen? Warum müssen wir auch die Bundeswehr wieder aufrüsten? 

Meine Damen und Herren, wir in politischer Verantwortung machen das nicht aus Beliebigkeit. Wir alle machen es, weil es um Deutschland geht. Um eine positive und hoffnungsvolle Zukunft unseres Vaterlandes. Wir Bürgerlichen dürfen diese Hoffnung nicht aufgeben und vor allem dürfen wir sie nicht anderen politischen Kräften überlassen.  

Die Prüfung unserer Zeit ist es, dass wir im Jahr 2026 und insbesondere im Jahr 2027 in Leipzig Werte verteidigen müssen, die von ganz links und ganz rechts in Frage gestellt werden. Und gerade heute am Tag der Deutschen Einheit ist es notwendig nocheinmal in Erinnerung zu rufen, dass es seit Konrad Adenauer die Maxime des außenpolitischen Handelns der Bundesrepublik war, dass erst die Freiheit kommt und dann die Einheit. Ohne die Freiheit, wäre die Einheit in einem undemokratischen Deutschland zustande gekommen. 

Der Blick nach vorn heißt, dass wir Bürgerlichen in Deutschland nicht kampflos hinnehmen müssen, dass der politische Diskurs immer mehr zu den Rändern ausufert. Aber wir müssen kämpfen mit Standhaftigkeit, Überzeugung und ethischer Sittlichkeit. 

Je mehr insbesondere die SED-Erben uns Bürgerliche zum Feindbild erklären und mit Hass gegen alles vorgehen, was nicht ihrer Linie entspricht, umso mehr müssen wir jenes Bild einer strahlenden Stadt zeichnen, die mit Mut und Weitsicht auf das Jahr 2050 blickt. 

Wir können bereits heute auf so vieles stolz sein in Deutschland und auch in Leipzig. Die Entwicklung, die unsere Stadt durchgemacht hat zeigt, dass aus jedem noch so großen Umbruch etwas gutes erwachsen kann. Wir haben in Deutschland so viel, wofür es sich zu kämpfen lohnt: Freiheit der Persönlichkeit, der Arbeitsplatzwahl, Soziale Sicherheit, eine europäische Freizügigkeit, die gerade für uns hier in Sachsen so wichtig ist, Religionsfreiheit. All das lohnt es sich zu verteidigen. 

Meine Damen und Herren, keiner kann das alles allein schaffen. Kein Kanzler, kein Ministerpräsident, kein Oberbürgermeister, kein Fraktionsvorsitzender.  

Wenn uns die Friedliche Revolution etwas gezeigt hat, dann wie wichtig und notwendig und bereichernd persönliches Engagement sein kann. Ich selbst hätte nie gedacht, dass 2014 meine Wahl in den Stadtrat gelingt und ich in diesen zwölf Jahren etwas erreichen konnte. 

Meine Lebensgeschichte als eines der letzten Kinder der DDR, aufgewachsen in Norddeutschland, freiwillig als Erwachsener getauft, Dienst bei der Marine, zurückgekehrt nach Leipzig, in politischer Verantwortung – es zeigt, dass es geht und dass jeder es kann. 

Wir feiern heute jenes vereinte Deutschland, dass nicht perfekt ist, aber alles in allem eine Erfolgsgeschichte des Willens unseres gesamten Volkes. Wir sind vereint in Einigkeit und Recht und Freiheit.